400 Jahre Stadtkirchenturm

Blick auf den Stadtkirchenturm über den Neckar hinweg

Im Jahr 2013 wurde der Turm unserer Stadtkirche 400 Jahr alt.

Es blebt eine wichtige Aufgabe, dieses Cannstatter Wahrzeichen auch für zukünftige Generationen zu bewahren.

Zur Geschichte des Stadtkirchenturmes schreibt der Cannstatter Lokalhistoriker Hans Betsch:

Der Stadtkirchenturm

Was ist prägend für die Silhouette Bad Cannstatts seit nunmehr 400 Jahren? Es ist der markante Turm der Stadtkirche, erbaut von dem damals besten Architekten des Herzogtums Württemberg, Heinrich Schickhardt. Der Herrenberger Handwerkerssohn kam als 20jähriger 1578 an den Herzoglichen Hof in Stuttgart als Gehilfe des Hofbaumeisters Georg Beer. Im Alter von nur 21 Jahren entwarf er die Pläne für das Schloss in Stammheim. 1586 – 89 leitete er den Umbau des alten Rathauses in Esslingen. Noch heute beeindruckt uns die Schaufront mit Schweifgiebel und zweistöckigen Glockentürmchen.

Bald wurde Schickhardt Privatarchitekt des Grafen Friedrich von Mömpelgard (heute Montbéliard im Südosten Frankreichs), der ab 1593 Herzog von Württemberg war. Auf Reisen mit dem Herzog nach Italien lernte er die Renaissance kennen und brachte diesen Baustil über die Alpen nach Württemberg. In der Folge entwickelte sich Heinrich Schickhardt zum bedeutendsten Renaissancebaumeister Südwestdeutschlands. Der vielseitige Baumeister schuf die Pläne für Freudenstadt, eine Stadt, die auf dem Reißbrett entworfen wurde. Die Ulrichsbrücke überspannt heute noch den Neckar bei Köngen. Schickhardt entwarf und baute zahlreiche Schlösser und Kirchen und plante Städte. Er kartierte auch den Neckar von Heilbronn bis Cannstatt, um die Schiffbarmachung zu ermöglichen, was allerdings erst viel später verwirklicht wurde.

Um das Jahr 1610 ließ Herzog Johann Friedrich den stehengebliebenen Turm der früheren romanischen Stadtkirche neu gestalten und erhöhen. Den Auftrag dazu erteilte er Schickhardt. Da er die Tragfähigkeit des alten Turms  nicht kannte, ließ er im Inneren auf dem Gewölbe der Sakristei einen zweiten Turm aus 30 – 40 cm starken Balken errichten. Diese Konstruktion trägt die Last der Glocken, fängt die Schwingungen ab und entlastet so das Mauerwerk. Eine besondere Leistung ist das ist das markante Äußere des Turmes und die günstige Verbreitung des Glockenklangs.

Das Geläute besteht aus fünf Glocken. Im oberen Bereich des Turmes, der sogenannten Laterne, hängen drei Schlag- oder Läuteglocken. Die älteste wurde 1506 von Pantilon Sydler in Esslingen gegossen. Von den weiteren fünf Glocken im unteren Bereich des Turmes ist die große oder Totenglocke die älteste. Sie ist das Werk von Hans Miller in Esslingen, kostete 1200 Gulden und wiegt fast 2 ½ Tonnen. Diese fünf Glocken zusammen haben ein Gewicht von 5,9 Tonnen. Seit 400 Jahren trägt der Turm diese Last - der beste Beweis für das überragende Können des Baumeisters. Am 7. Mai 1614 wurde die vollständige Bezahlung des Turmes mit einem Festessen im Rathaus gefeiert. Die Kosten beliefen sich einschließlich der Geschenke an Meister und Gehilfen auf etwa 12 450 Gulden. In seinem Buch „Cannstatt seit 6 000 Jahren“ schrieb Albert Rilling: „Der Kenner der deutschen Renaissance, Lübke, urteilt darüber: der Turm, einfach, kräftig, wirkt durch das elastisch eingezogene Dach mit seinen Erkertürmchen und der schlank abgeschlossenen Laterne sehr malerisch.“

Cannstatt hatte das Glück, dass sowohl der Erbauer der Kirche, Aberlin Jörg, als auch Schickhardt zu den hervorragendsten Baumeistern ihrer Zeit gezählt werden dürfen.

Am 14.Januar 1635, im 30jährigen Krieg, starb Heinrich Schickhardt in Stuttgart an den Folgen einer Verletzung, die ihm drei Wochen zuvor ein kaiserlicher Soldat zugefügt hatte.

Einige Bauten dieses genialen Baumeisters haben ihn bis heute überlebt, so beispielsweise unser Stadtkirchenturm. Es lohnt sich, bei einem der wenigen Termine im Jahr die etwas mühsame Turmbesteigung auf sich zu nehmen, denn Bad Cannstatt liegt ihnen dann wirklich zu Füßen.